gendersensible Sprache I

12 Jan

Ich habe einen kurzen Input für das Seminar „Praxiszentrum Beratung, Bildung und Genderkompetenz“ vorbereitet zum Thema gendergerecht/gendersensibel Sprechen und Schreiben – und wo ich da schonmal was zusammen geschrieben habe mag ich nun die Chance nutzen einige Aspekte nochmal hier zu veröffentlichen.
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«Sprache schafft Wirklichkeit, und die Grenzen der Sprache sind die Grenzen des einzelnen Weltbildes.»
Ludwig Josef Johann Wittgenstein (26.04.1889 – 29.04.1951), Philosoph

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Wir müssen uns der Wechselwirkung bewusst werden, die die gesellschaftliche Realität auf Sprache ausübt und Sprache widerum auf die jeweilige Gesellschaft. Denn Sprache ist eben nicht nur ein Abbild und die Reflexion der Gesellschaft, sondern bestimmt diese aktiv mit!1

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«Mit der Semantik von Worten ist es wie mit anderen soziokulturellen
Gegenständen: Sie sind beweglich und veränderlich,
sie werden für Einzelinteressen instrumentalisiert
und in ideologische Dienste gestellt.»
(Sookee 2008)

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Sprache war und ist immer im Wandel, solange und da die Gesellschaft sich (weiter-)entwickelt hat.
Zu Kolonialzeiten war das N-Wort ein sehr weit verbreiteter Begriff für Schwarze und People of Color, welcher zum Glück endlich nach und nach (wenn auch viel zu langsam) kaum noch genutzt wird (was mensch für viele andere Begriffe aus der Kolonialzeit leider nicht sagen kann, aber das ist ein anderes Thema) . Junge Frauen werden heutzutage nicht mehr sexualisiert als „Jungfrauen“ bezeichnet um auf ihre sexuelle Verfügbarkeit hinzudeuten, und viele andere Begriffe haben sich gewandelt oder verschwinden aus der Sprache – einhergehend mit den gesellschaftlichen Veränderungen. Veränderung bedeutet also keinesfalls etwas negatives, sondern ist notwenig und ein natürlicher Prozess.

Wenn auch nicht einzigartig aber sehr prägend für deutsche Sprache ist die Verwendung des generischen Maskulinum.
Im Detail erklärt findet ihr es dort von dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch:

In Kurzform in eigenen Worten zusammengefasst
(und dadurch sehr fehleranfällig):
Wir haben „der Student“ und „die Studentin“. Die Artikel sind, anders als bei „der Baum“ und „die Flasche“, keine gramatikalischen Geschlechter sondern ihren natürlichen Geschlechtern entsprechend zugeordnet.
Als Oberbegriff dieser beiden Begriffe wird allerdings ausschließlich die männliche Form gewählt „der Student“.
Wenn nun also studierenden Gruppen oder auch eine einzelne Studentin angesprochen werden, geschieht dies immer in der männlichen Form!
Das ist historisch gesehen nicht wirklich verwunderlich, denn bis vor wenigen Jahrzehnten (und auch heute oft genug noch) wurden eben nur Männer gemeint. Wenn eine Frau nicht wählen durfte, nicht über ihre Arbeit selbst entscheiden durfte und allgemein Abhängig war von Familie und/oder Mann war, wurde sie auch nicht mitangesprochen.
Heute sieht das selbstverständlich gaaanz anders aus – da darf sich Frau nämlich netter Weise einfach mitdenken! (ironie)

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«Männer werden fast immer richtig eingeordnet, Frauen
fast nie, denn in unserer Sprache gilt die Regel: 99 Sängerinnen
und ein Sänger sind 100 Sänger.»
(Luise Pusch 1990)

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Unsere Sprache ist stark patriachal geprägt. Wenn wir irgendwann in einer gleichberechtigten und befreiten Gesellschaft leben wollen, sollte sich auch unsere Sprache verändern. Dies gilt insbesondere für die Menschen, welche mir erzählen wir würden schon in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben! Dazu gehören viele Worte und Redewendungen, deren Hintergünde und Herkünft wir uns bewusst machen sollten (dazu nach und nach mehr unter WortWahl).
Aber eben insbesondere eine ‚gegenderte‘ Sprache!

Der Student        Die Studenten
(außer wir meinen wirklich nur Männer)

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1. Substantivierte Verben und AdjektiveDer Studierende      Die Studierende
Die Studierenden
Verben und Adjektive werden substantiviert. Die Pluralform ist geschlechtsneutral und bei der Singularform kann der entsprechende Artikel selbst gewählt werden.

2. Vollstände PaarformDie Studentin und der Student
Die Studentinnen und die Studenten
Bezieht sich nur auf zwei Geschlechter und ist relativ lang.

3. Unterstrich und SternchenDie_der Student_in
Die Student*innen
Beide Formen werden gleich verwendet und haben den Zweck auch Raum zu geben für Menschen die sich nicht einem der beiden Geschlechter zu ordnen können oder wollen (Trans- oder Intersexuelle Menschen, gender queere…).

(4. Schrägstrich/Binnen I)
Die/der Student/in, StudentIn
Die Student/innen, StudentInnen
Nur eingeschränkt zu emfehlen, da es keine Geschlechtersymmetrie herstellt. Nur sinnvoll wenn Platz gespart werden muss. Ähnliches gilt fürs Binnen I, zumal dort bei der Artikel Wahl auf eine der anderen Versionen zurückgegriffen werden muss!

Ich persönlich probiere die Wörter geschlechtsneutral zu substantivieren oder nutze den Unterstrich.

In der gesprochenen Sprache gestaltet sich der Gebrauch schon etwas schwieriger. Zum einen ist es leider relativ anstregend sich umzustelle, ich persönliche Falle sehr oft in einen ungegenderten Sprachgebrauch zurück – da heißt es üben, üben, üben.

Langfristig gehört für mich persönlich auch die Bemühung dazu andere patrichale Begriffe aus meinem Wortschatz zu streichen, doch wenn wir Beginnen würden zumindest personenbezeichnende Substantive zukünftig nicht mehr nur in der männlichen Form wiederzugeben und Frauen und Menschen anderer Geschlechter nur „mitzumeinen“ ist dies ein Schritt in die richtige Richtung.
Andere, gerade skandinavische, Länder sind sowohl im Sprachgebrauch als auch in der realen Umsetzung schon deutlich weiter. Dies zeigt: Es ist möglich alte Strukturen abzuwerfen! Viele Stiftungen, Universitäten usw. gehen mit positiven Beispiel voran.
Die Uni Leipzig zum Beispiel führt das generische Femininum ein. Nicht weil sie der Meinung wäre, das generische Femininum wäre gerechter, sondern als Protestform um aufzuzeigen, dass sich viele Menschen (insbesondere Männer) diskriminiert fühlen werden sie nur in der weiblichen Form genannt, dies bei der männlichen Form jedoch ’normal‘ ist. Gewohntheit darf keine Ausrede für diskriminierende Strukturreproduktion sein!

Ich habe viel zurückgegriffen auf den Sprachleitfaden der FH Potsdam und Infos von Anatol Stefanowitsch – und habe keinerlei Anspruch auf Richtgkeit!transliberation

1 „Sprache im Blick – Leitfaden für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch“ FH Potsdam

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