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WARUM? – Herrschaftsfrei lieben

26 Sep

Warum eigentlich habe ich mich entschlossen, das herkömmliche, traditionelle Beziehungskonzept von serieller Monogamie oder auch romantischer Zweierbeziehung (RZB) nicht weiter zu leben?
Gründe dafür gibt es viele. Ausschlaggebend war wohl das innerliche (anfangs nicht definierbare) Gefühl, mich in vergangenen Beziehungen immer „unfrei“ gefühlt zu haben, obwohl ich augenscheinlich doch alles „durfte“. Nur andere Menschen zu gern haben und ggf. auch körperliche Nähe zu teilen, das war ein Tabubruch. Sowohl gesellschaftlich als auch zwischenmenschlich innerhalb der Beziehung.
Irgendwann begann ich, mich mit verschiedenen anderen Liebes- und Lebensentwürfen auseinanderzusetzen und fand den passenden Menschen in meinem Leben, der genau dies auch wollte und immer noch, nach mehr als zwei Jahren, will und gemeinsam mit mir lebt. Ich habe mich entschieden, Liebe, Gefühle und Sexualität nicht länger als exklusiven Besitzanspruch an aufeinanderfolgende Beziehungen zu „vergeben“ bis diese aus irgendwelchen Gründen „beendet werden“ und die Exklusivität an die nächste Person versprochen wird (serielle Monogamie).
Meine Gefühle und meine Sexualität gehören nur mir. Meine Liebe wird nicht weniger, wenn ich sie teile. Ich selbst kann entscheiden, wann ich was mit wem teilen möchte und ich möchte auch über andere Personen nicht weiter bestimmen (dürfen). Auch wenn das manchmal in der Theorie leichter klingt als es in der Praxis ist, es ein langer und stetiger Lernweg ist und ich sicherlich noch nicht an dem Punkt bin, diese Besitzansprüche auf Liebe & Sexualität, welche mir mein Leben lang als normal und richtig eingetrichtert worden sind, vollkommen abzulegen, weiß ich – anders könnt ich nicht mehr.
Sich damit zu beschäftigen, anders zu lieben, als es uns die Norm vorgibt, wirft zwangsläufig viele Fragen und Überlegungen auf …

LiebeFreiLOGO02

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Oh my lover
Don’t you know it’s alright ?
You can love her
You can love me at the same time
Much to discover

PJ Harvey – Oh my lover
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Wieso wird es gesellschaftlich eigentlich immer früher oder später verlangt, die Beziehung zu anderen Menschen zu definieren und in abgesteckte Rahmen zu pressen? Wieso darf ich mehrere „Freundschaften“ haben, mehrere Kinder und Familienmitglieder lieben – aber nur eine Person im Sinne einer Partnerschaft? Die Gesellschaft zwängt Liebe in Regeln, welche eingehalten werden müssen. Uns wird durch Medien und Erziehung eingeprägt, dass wir alle a) eine_n Partner_in brauchen, um glücklich zu werden und b) vor allem, dass es nur „wahre Liebe“ sei, wenn diese Liebe sich nur auf eine einzige Person beschränkt. Aber ich frage mich: Kann serielle Monogamie, die auf Regeln und Besitzansprüchen beruht, wirklich “mehr Liebe“ sein als zwischenmenschliche Beziehungen, welche einfach das Gefühl und die Bedürfnisse leben und lieben – ohne dabei Regeln aufzustellen und andere Personen durch Verbote und Exklusivitätsrechte zum Eigentum erklären? Und was genau ist überhaupt „wahre Liebe“? Heißt es meine_n Partner_in nach und nach so sehr an mich anzupassen, dass wir ohneeinander irgendwann nicht mehr können? Wo gibt es dieses Traumpaar, bei dem auch nach Jahren noch alle Bedürfnisse gleich ticken und sich keine_r der beiden einschränken muss? Es wird immer behauptet „wahre Liebe“ hieße, den Menschen so zu akzeptieren, wie sie_er ist. Aber in welcher dieser Traumbeziehungen um uns herum ist das überhaupt der Fall? Menschen entwickeln sich weiter, sind unterschiedlich und haben unterschiedliche Bedürfnisse – und genau das ist auch gut so! Wenn wir uns stetig nur nach einer einzigen Person richten, besteht die Gefahr, sich selbst stark zu verbiegen, ohne es bewusst als dieses wahrzunehmen (oder gar als positiv wahrzunehmen) und Chancen zu verpassen, da es statt Vielfalt eine Einfalt gibt. Wieso sollte ich nur, weil ich auch Gefühle und Zuneigung für eine zweite Person entwickle, die andere Person weniger mögen? Dies würde ein begrenztes Kontingent an verfügbarer Liebe voraussetzen. Sicherlich gibt es ein begrenztes Kontingent an verfügbarer Zeit und je mehr Menschen eine wichtige Rolle im Leben einer Person spielen, desto weniger Zeit bleibt ggf. für die einzelne, aber das ist nicht anders als mit herkömmlichen Freundschaften auch. Dass es jedoch ein begrenztes Kontingent an Liebe gibt, kann ich nicht glauben.

Wir können nicht verhindern, dass sich der_die Partner_in jemals in eine andere Person verlieben wird – auch in monogamen Beziehungen ist dies Alltag. Oft werden diese Gefühle nur unterdrückt, sie werden heimlich ausgelebt oder die Person muss sich für eine der beiden Personen entscheiden. Wieso muss ich mich entscheiden, eine wundervolle Liebe zu beenden, nur um auch andere Personen gern zu haben? Viele Menschen sagen mir, sie selbst hätten gar nicht das Bedürfnis nach anderen Personen. Das glaube ich voll und ganz! Es wäre auch komisch, wenn wir ständig “auf der Suche” durch die Gegend laufen würden. Aber fast keine Person, welche schon längerfristige Beziehungen erlebt hat, kann bestreiten, dass irgendwann andere Personen, die mensch interessant findet, ins Leben kommen und er_sie sich dann für eine der oben genannten Möglichkeiten entscheiden musste – und damit entweder natürliche Bedürfnisse unterdrückt oder aber einen geliebten Menschen aufgeben und verletzen muss. Warum? Warum nicht einfach diese Gegebenheit akzeptieren und einen neuen Weg finden?!

Wirklich schlüssig scheint mir diese scheinbare Sicherheit heutzutage nicht mehr. Schon gar nicht, wenn wir bedenken, wie lange diese “seriell monogamen Beziehungen” heutzutage wirklich andauern, wie viel Leid sie oft am Ende mit sich bringen und wie hoch die Rate des aktiven Fremdgehens oder einfach nur des Fremddenkens ist. Ich möchte weder die Gedanken, Gefühle, Handlungen und Bedürfnisse einer anderen Person weiter einsperren und unterdrücken, nur um mir selbst eine Sicherheit und ein Exklusivrecht zu erkämpfen, welches am Ende meinem Ego dient, nicht aber dem Wohle der Person, welche ich liebe. Wenn ich Rücksicht auf andere aktuelle Gefühls- und Lebenssituationen von Menschen nehmen möchte, in Form von Verzicht und Rücksicht, kann ich oder die andere Person dies tun – aber aus Liebe heraus und aus dem gemeinsamen Bedürfnis füreinander da zu sein in dieser Zeit und nicht aus einem gesellschaftlichen Vertrag heraus. Liebe sollte nicht in Regeln gezwungen werden, sondern einfach gelebt werden dürfen!

Ich möchte mit diesem Text nicht behaupten, welche Liebes- und Lebensform die richtige sei, denn ich denke „die richtige“ gibt es nicht. Das sind einfach nur meine ganz subjektiven Gedanken und Schlüsse – diese können für andere Menschen wieder komplett unterschiedlich ausfallen und ich möchte damit keinesfalls Menschen, die sich bewusst für eine monogame Liebesbeziehung entschieden haben, diskreditieren oder ihren Weg “abwerten”!