Archiv | WortWahl RSS feed for this section

WortWahl – „Nazis raus!“

17 Jun

Ich finde, das Känguru bringt es sehr gut auf den Punkt:
„Deine Einstellung ist grundsätzlich löblich und deine Absicht zumindest verständlich, aber da du forderst „raus“ stelle dir doch bitte auch die Frage woraus und wohin. Raus aus Deutschland schön und gut, aber wohin? Denn wer will die wohl haben? Keiner! Es hat dem Ausland verständlicherweise keineswegs gefallen als die Nazis das letzte mal in großer Zahl aus Deutschland marschierten. Schließlich musst du noch bedenken, dass die Nazis dann selber Ausländer wären und wenn du die dann immernoch hassen würdest wärst du dann selber Nazi und müsstest dann selber raus und woraus und wohin? Du hättest also genauso gut schreiben können SELBER […]*“

 

Ich verstehe die Intention Begriffe zu besetzen und ihre Bedeutung umzukehren, und so aus „Ausländer raus“ die bekannte Parole „Nazis raus“ werden zu lassen.
Jedoch unterstützt und manifestiert diese nur weiter ein Denken in Nationen und Grenzen. Denn ein „raus“ kann es nur geben wenn es auch ein „drinnen“ gibt – getrennt durch Grenzen. Doch sollte es nicht Anspruch aller emanzipatorischen Kämpfe sein genau diese abzuschaffen?

 

* Das Zitat geht leider weiter mit dem Vergleich „Kindergarten-Niveau“ welchen ich nicht zitieren wollte, da ich auch die Abwertung durch Alter (ageism) nicht reproduzieren möchte. Aber dazu mehr in einem extra Beitrag……

Advertisements

gendersensible Sprache I

12 Jan

Ich habe einen kurzen Input für das Seminar „Praxiszentrum Beratung, Bildung und Genderkompetenz“ vorbereitet zum Thema gendergerecht/gendersensibel Sprechen und Schreiben – und wo ich da schonmal was zusammen geschrieben habe mag ich nun die Chance nutzen einige Aspekte nochmal hier zu veröffentlichen.
.

.

«Sprache schafft Wirklichkeit, und die Grenzen der Sprache sind die Grenzen des einzelnen Weltbildes.»
Ludwig Josef Johann Wittgenstein (26.04.1889 – 29.04.1951), Philosoph

.

.

Wir müssen uns der Wechselwirkung bewusst werden, die die gesellschaftliche Realität auf Sprache ausübt und Sprache widerum auf die jeweilige Gesellschaft. Denn Sprache ist eben nicht nur ein Abbild und die Reflexion der Gesellschaft, sondern bestimmt diese aktiv mit!1

.

.

«Mit der Semantik von Worten ist es wie mit anderen soziokulturellen
Gegenständen: Sie sind beweglich und veränderlich,
sie werden für Einzelinteressen instrumentalisiert
und in ideologische Dienste gestellt.»
(Sookee 2008)

.

.

Sprache war und ist immer im Wandel, solange und da die Gesellschaft sich (weiter-)entwickelt hat.
Zu Kolonialzeiten war das N-Wort ein sehr weit verbreiteter Begriff für Schwarze und People of Color, welcher zum Glück endlich nach und nach (wenn auch viel zu langsam) kaum noch genutzt wird (was mensch für viele andere Begriffe aus der Kolonialzeit leider nicht sagen kann, aber das ist ein anderes Thema) . Junge Frauen werden heutzutage nicht mehr sexualisiert als „Jungfrauen“ bezeichnet um auf ihre sexuelle Verfügbarkeit hinzudeuten, und viele andere Begriffe haben sich gewandelt oder verschwinden aus der Sprache – einhergehend mit den gesellschaftlichen Veränderungen. Veränderung bedeutet also keinesfalls etwas negatives, sondern ist notwenig und ein natürlicher Prozess.

Wenn auch nicht einzigartig aber sehr prägend für deutsche Sprache ist die Verwendung des generischen Maskulinum.
Im Detail erklärt findet ihr es dort von dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch:

In Kurzform in eigenen Worten zusammengefasst
(und dadurch sehr fehleranfällig):
Wir haben „der Student“ und „die Studentin“. Die Artikel sind, anders als bei „der Baum“ und „die Flasche“, keine gramatikalischen Geschlechter sondern ihren natürlichen Geschlechtern entsprechend zugeordnet.
Als Oberbegriff dieser beiden Begriffe wird allerdings ausschließlich die männliche Form gewählt „der Student“.
Wenn nun also studierenden Gruppen oder auch eine einzelne Studentin angesprochen werden, geschieht dies immer in der männlichen Form!
Das ist historisch gesehen nicht wirklich verwunderlich, denn bis vor wenigen Jahrzehnten (und auch heute oft genug noch) wurden eben nur Männer gemeint. Wenn eine Frau nicht wählen durfte, nicht über ihre Arbeit selbst entscheiden durfte und allgemein Abhängig war von Familie und/oder Mann war, wurde sie auch nicht mitangesprochen.
Heute sieht das selbstverständlich gaaanz anders aus – da darf sich Frau nämlich netter Weise einfach mitdenken! (ironie)

.

.

«Männer werden fast immer richtig eingeordnet, Frauen
fast nie, denn in unserer Sprache gilt die Regel: 99 Sängerinnen
und ein Sänger sind 100 Sänger.»
(Luise Pusch 1990)

.

.

Unsere Sprache ist stark patriachal geprägt. Wenn wir irgendwann in einer gleichberechtigten und befreiten Gesellschaft leben wollen, sollte sich auch unsere Sprache verändern. Dies gilt insbesondere für die Menschen, welche mir erzählen wir würden schon in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben! Dazu gehören viele Worte und Redewendungen, deren Hintergünde und Herkünft wir uns bewusst machen sollten (dazu nach und nach mehr unter WortWahl).
Aber eben insbesondere eine ‚gegenderte‘ Sprache!

Der Student        Die Studenten
(außer wir meinen wirklich nur Männer)

.

1. Substantivierte Verben und AdjektiveDer Studierende      Die Studierende
Die Studierenden
Verben und Adjektive werden substantiviert. Die Pluralform ist geschlechtsneutral und bei der Singularform kann der entsprechende Artikel selbst gewählt werden.

2. Vollstände PaarformDie Studentin und der Student
Die Studentinnen und die Studenten
Bezieht sich nur auf zwei Geschlechter und ist relativ lang.

3. Unterstrich und SternchenDie_der Student_in
Die Student*innen
Beide Formen werden gleich verwendet und haben den Zweck auch Raum zu geben für Menschen die sich nicht einem der beiden Geschlechter zu ordnen können oder wollen (Trans- oder Intersexuelle Menschen, gender queere…).

(4. Schrägstrich/Binnen I)
Die/der Student/in, StudentIn
Die Student/innen, StudentInnen
Nur eingeschränkt zu emfehlen, da es keine Geschlechtersymmetrie herstellt. Nur sinnvoll wenn Platz gespart werden muss. Ähnliches gilt fürs Binnen I, zumal dort bei der Artikel Wahl auf eine der anderen Versionen zurückgegriffen werden muss!

Ich persönlich probiere die Wörter geschlechtsneutral zu substantivieren oder nutze den Unterstrich.

In der gesprochenen Sprache gestaltet sich der Gebrauch schon etwas schwieriger. Zum einen ist es leider relativ anstregend sich umzustelle, ich persönliche Falle sehr oft in einen ungegenderten Sprachgebrauch zurück – da heißt es üben, üben, üben.

Langfristig gehört für mich persönlich auch die Bemühung dazu andere patrichale Begriffe aus meinem Wortschatz zu streichen, doch wenn wir Beginnen würden zumindest personenbezeichnende Substantive zukünftig nicht mehr nur in der männlichen Form wiederzugeben und Frauen und Menschen anderer Geschlechter nur „mitzumeinen“ ist dies ein Schritt in die richtige Richtung.
Andere, gerade skandinavische, Länder sind sowohl im Sprachgebrauch als auch in der realen Umsetzung schon deutlich weiter. Dies zeigt: Es ist möglich alte Strukturen abzuwerfen! Viele Stiftungen, Universitäten usw. gehen mit positiven Beispiel voran.
Die Uni Leipzig zum Beispiel führt das generische Femininum ein. Nicht weil sie der Meinung wäre, das generische Femininum wäre gerechter, sondern als Protestform um aufzuzeigen, dass sich viele Menschen (insbesondere Männer) diskriminiert fühlen werden sie nur in der weiblichen Form genannt, dies bei der männlichen Form jedoch ’normal‘ ist. Gewohntheit darf keine Ausrede für diskriminierende Strukturreproduktion sein!

Ich habe viel zurückgegriffen auf den Sprachleitfaden der FH Potsdam und Infos von Anatol Stefanowitsch – und habe keinerlei Anspruch auf Richtgkeit!transliberation

1 „Sprache im Blick – Leitfaden für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch“ FH Potsdam

WORTWAHL – Betroffene sexualisierter Gewalt

11 Okt

*TRIGGERWARNUNG*

Die folgenden Inhalte können ggf. (re-)traumatisierende Wirkungen haben


 

Im Bereich WORTWAHL möchte ich zukünftig auf verschiedene Begrifflichkeiten eingehen und ihre bewusste (nicht-)Verwendung erklären.

 

 

 

 

 

Für den Themenbereich „sexualisierte Gewalt“ gibt es verschiedene geläufige Begriffe die Verwendung finden.
Warum ich jedoch die Beschreibung „sexualisierte Gewalt“ anstatt „sexuelle Gewalt“ oder „Missbrauch“ präferiere und diese Verwendung auch für wichtig halte, erklärt die miss-Beratungsstelle sehr treffend:

„Sexualisierte Gewalt ist der Terminus, der das Thema exakt beim Namen nennt. Die anderen, leider noch gebräuchlicheren Ausdrücke sind ungenau und wecken falsche Assoziationen.
Das Wort Missbrauch mit der Vorsilbe “miss-” suggeriert, dass es auch einen guten Gebrauch gibt. Das mag beispielsweise bei Alkohol zutreffen (da wird auch von Alkoholmissbrauch gesprochen). Kinder [und andere Menschen] können aber nicht auf eine “gute” Art sexuell gebraucht und in einer “schlechten” Weise missbraucht werden. Deshalb lehnen wir den Ausdruck sexueller Missbrauch ab.
Ebenso treten bei dem Terminus sexuelle Gewalt Schwierigkeiten auf: sexuell ist das zugehörige Eigenschaftswort zu Sexualität, die in erster Linie etwas sehr Schönes ist. Das hat nichts mit Gewalt und Machtausübung zu tun.
Deshalb bevorzugen wir den Begriff sexualisierte Gewalt. Hier liegt der Schwerpunkt auf Gewalt; in erster Linie wird Gewalt von dem Täter dem Opfer gegenüber ausgeübt. Diese Gewalt kann auf unterschiedliche Weise ausgeübt werden, etwa als körperliche Gewalt, als psychische Gewalt und auch als sexualisierte Gewalt, mit der wir uns befassen. Bei dieser Art wird die Gewalt sexualisiert.“

Sexuelle Gewalt und Missbrauch sind trotzdem gängige Begriffe, auch im Rahmen der professionelen (sozialen) Arbeit in diesem Themenbereich Begriffe jedoch wie „Kinderschändung“ bzw. die Täter_innenbeschreibung „Kinderschänder“ gehören prinzipiell aus dem Wortschatz verbannt. Als Gegenstück der Schande lieg die Ehre zu Grunde. Wenn solche Begriffe nun also verwendet werden impliziert dies vorallem auch, dass Betroffene nun eine Schande mit sich tragen, sie keine Ehre mehr haben und zu einem gewissen Teil auch Mitschuld tragen. Dieser Begriff wird heute insbesondere noch in rechten Kreisen verwendet wie z.B. auf der sehr verbreiteten Facebook-Veranstaltung „1.000.000 Stimmen gegen Kinderschänder“, welche immer wieder durch Werbung für die NPD und Personenüberschneidungen zur NPD auffällt.

Warum sind Betroffene keine „Opfer“?
Oft wird als Gegenstück zu Täter_innen das Wort „Opfer“ benutzt. Dieses wird jedoch von den meisten Betroffenen(-Verbänden) abgelehnt. Der Opferstatus suggeriert Passivität und vorallem auch den Punkt der Endgültigkeit aus dem sich Personen nicht befreien und selbst aktiv werden können

„In diesem Kontext war es nicht immer leicht, den Zuschreibungen der Passivität zu entkommen, die häufig an den Opferbegriff gekoppelt worden. So wurden offensive Forderungen, beispielsweise nach Beratungsstellen, oftmal nur mit einer Reduktion von Frauen auf den Opfer Status gewährt. Auf diese Weise wurde ein Gegensatz vermittelt zwischen den Positionierungen als selbstbewusste Akteurinnen und Opfern von Gewalt. Dieser Gegensatz sprach Betroffenen sexualisierter Gewalt ab, gleichsam selbstbewusst aggieren zu können“
(Quelle: Darum Feminismus! Diskussionen und Praxen)
In dem Buch wird nur von Frauen als Betroffene gesprochen, da es an diesem Punkt den historischen Kontext der Frauenbewegungen beleuchtet. Natürlich gilt diese Umschreibung in gleicher Wichtigkeit für Betroffene aller Geschlechter.